Leseprobe



 












Martin Spiewak
Wie weit gehen wir
für ein Kind?
22,90 (D), sFr 39,90
ISBN 3-8218-3925-2

Ein Donnerstagabend im Dezember, der Raum im obersten Stock eines Altbaus in einer deutschen Großstadt füllt sich schnell. Bald sind die Stühle bis auf den letzten Platz besetzt. Noch schnell drängt sich ein Mann im Anzug und mit Aktentasche unter dem Arm zwischen die Reihen und setzt sich neben seine Frau. "Vor Weihnachten ist der Andrang besonders groß", erklärt der Arzt später. "Da kommen die Gefühle hoch."

Der Arzt schaut auf die Uhr und gibt seiner Mitarbeiterin ein Zeichen. Das Licht verlöscht und auf der Leinwand erscheint der Anlaß der Zusammenkunft: "INFORMATIONSVERANSTALTUNG FÜR KINDERWUNSCHPAARE". Einmal im Monat lädt die "Fortpflanzungsmedizinische Gemeinschaftspraxis" interessierte Männer und Frauen in seine Räume zu einem derartigen Abend. Rund vierzig Paare sind dem Angebot gefolgt. Zwischen 30 und 40 Jahre sind die meisten alt. Um die Augen sind die ersten Fältchen sichtbar, in den Haaren ein paar graue Strähnen. "Die Ausbildung ist beendet. Sie haben einen guten Job, vielleicht ein Haus. Nur noch ein Kind fehlt jetzt zum Glück", sagt der Arzt. Mehrere Paare schauen sich an oder drücken sich die Hand.

Doch wenn das Einfachste der Welt – das was jedes Lebewesen kann, ohne es jemals zu lernen: sich fortzupflanzen – doch tatsächlich nur so einfach wäre. Es hat nichts gebracht, die Pille abzusetzen oder das Kondom in der Schublade zu lassen. Viele Monate, mitunter Jahre haben die Paare miteinander geschlafen ohne zu verhüten. Sie haben den Verkehr an den fruchtbaren Tage intensiviert. Sie haben das Rauchen eingestellt, begonnen, gesünder zu leben, Fruchtbarkeitssymbole auf den Nachttisch platziert. Ohne Erfolg. Die Männer schlucken Zinktabletten, die ihre Spermaqualität verbessern sollen. Die Frauen messen morgens ihre Temperatur und bleiben nach dem Sex mit erhobenem Becken liegen, damit das Sperma länger seine Wirkung entfaltet. Die meisten Teilnehmer des heutigen Abends haben alles hinter sich. Doch die ersehnte Schwangerschaft will sich nicht einstellen.

Manches Paar hat es bereits mit einer Insemination versucht, dem Einspülen des männlichen Spermas direkt in die Gebärmutter. Als der Arzt nach seinem Kurzvortrag über die menschliche Fruchtbarkeit und ihre Störungen einen Übertragungskatheter herumreicht, geben ihn einige Männer und Frauen nur nickend weiter. Diese Methode kennen sie bereits. Gebracht hat auch sie nichts. Sie sind – wie fast alle – für den nächsten Schritt gekommen: die In-vitro-Fertilisation (IVF), die Befruchtung von Ei und Samenzelle außerhalb des Körpers.

Das Kinderkriegen ist zum Problem geworden. Bis zu 15 Prozent aller Männer und Frauen warten hierzulande mehr als ein bis zwei Jahre vergeblich auf Nachwuchs. Jedes Jahr nehmen nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums über 200.000 Paare fortpflanzungsmedizinischen Rat in Anspruch. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich ungewollte Kinderlosigkeit zu einem stillen Volksleiden entwickelt, so häufig wie Diabetes oder Rheuma. Jahr für Jahr steigt die Zahl der Fruchtbarkeitspraxen, die sich dem Ziel verschrieben haben, den Kinderlosen doch noch zur guten Hoffnung zu verhelfen. Bereits jedes achtzigste deutsche Kind wird heute in der Petrieschale gezeugt.

Kaum eines der versammelten Paare hätte es sich bis vor kurzem vorstellen können, dass ihr Kind vielleicht einmal dazugehören wird. Sie hätten es nicht für möglich gehalten, mit einem fremden Mann und 80 anderen unbekannten Personen über Spermaqualität und Kopulationsfrequenz, Gebärmutterzysten und eingefrorene Eizellen zu sprechen. Und niemals hätten sie geglaubt, die intimste Angelegenheit zwischen zwei Menschen irgendwann einmal Ärzten, Biologen und medizinisch-technischen Assistentinnen anzuvertrauen sowie gegebenenfalls Molekulargenetikern, Psychologen und Mitgliedern von Ethikkommissionen. Doch damals wussten sie auch noch nicht, welche Kraft und Eigendynamik ein Kinderwunsch entwickeln kann – insbesondere dann, wenn die Natur ihn verwehrt.

Ins Labyrinth der Fortpflanzungsmedizin gerät man in kleinen Schritten. Die wenigsten, die eine Behandlung beginnen, wissen, wie weit sie das Sehnen nach Nachkommenschaft tragen wird – und wo sie am Ende herauskommen. Dieses Buch soll sie auf dem Weg begleiten. Es möchte informieren, warum immer mehr Männer und Frauen die verschiedenen Methoden der künstliche Befruchtung in Anspruch nehmen und aufklären, was sie bei der Behandlung erwartet. Es verspricht kritische Informationen, Orientierung und Einblicke in eine medizinische Disziplin, die wie kaum eine andere die Phantasie durch Heilsverheißungen und Horrorvisionen beflügelt.

Einige Paare des heutigen Abends (es sind die wenigsten) werden die Praxis nie wieder betreten, überzeugt, dass ein Labor nicht der richtige Ort zum Kinderzeugen ist. Andere Paare werden nach wenigen Monaten die Errungenschaft der modernen Medizin feiern und sich nach einem Babybett umschauen – oder nach zweien: Häufig entspringt der assistierten Zeugung mehrfacher Nachwuchs.

Die beiden in der ersten Reihe links werden sich nach vier vergeblichen Versuchen – seelisch zermürbt und körperlich um ein paar Jahre gealtert – fragen, ob es Sinn macht, 4000 Euro für eine weitere Behandlung aus eigener Tasche zu zahlen. Das Paar in der Mitte rechts wird es mit einem anonymen Samenspender versuchen. Die beiden Eheleute an der Tür werden nach Belgien oder Spanien reisen, um dort zu bekommen, was ihnen in Deutschland von Gesetzes wegen verwehrt wird. Von schlechten Chancen und großen Belastungen spricht der Arzt an diesem Abend nicht. Dafür sagt er: "Nur nicht den Kopf hängen lassen, irgendwann klappt es schon."

Am Ende werden die meisten Besucher der Informationsveranstaltung mit dem Gefühl nach Hause gehen, nach Jahren des Wartens auf ein Kind endlich etwas tun zu können. Sie werden versuchen, aus den Tabellen und Balkendiagrammen des Gynäkologen ihre persönliche Chance auf eine Schwangerschaft auszurechnen – und zum Schluß kommen, dass "60 bis 80 Prozent Erfolg", von denen der Arzt gesprochen hat, eine vielversprechende Quote ist. Dass die Zeugungshelfer und ihre Patienten nicht immer das gleiche meinen, wenn sie von Erfolgen reden, werden sie erst später lernen. Vorerst zählen nur die Hoffnung und die aufmunternden Abschiedsworte, mit denen sie der Mediziner entläßt: "Viel Glück und Freude mit dem Nachwuchs."

Medizinische Normalität", "fast Routine" "Behandlung ohne Stigma": So beschreiben Reproduktionsmediziner heute das Verfahren, mit dessen Hilfe vor zwanzig Jahren Oliver Wimmelbacher in der Frauenklinik Erlangen-Nürnberg zur Welt kam. Er war das erste deutsche Kind, das nicht im Mutterleib, sondern in-vitro (im Glas) gezeugt wurde. Schaut man sich die Zahlen an, dann ist die IVF tatsächlich "normal": Durchschnittlich alle 50 Minuten wird irgendwo in Deutschland ein IVF-Baby geboren. Weltweit dürften heute über eine Million Jungen und Mädchen ihre Herkunft der Kunstfertigkeit von Medizinern und Biologen verdanken, mit Pipette, Petrischale und Brutschrank umzugehen. Die künstliche Befruchtung – ein medizinisches Kinderspiel, Ungewollte Kinderlosigkeit – ein anerkanntes Schicksal.

Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Die meisten betroffenen Frauen und Männer verheimlichen ihre Probleme mit dem Kinderkriegen. Bis heute ist die Tatsache unfruchtbar zu sein ein Tabu in dieser Gesellschaft. Für viele Paare, die sich mit der Diagnose Sterilität nicht abfinden wollen, gerät die Behandlung zu einer schweren Belastung – zur "bisher schlimmsten Zeit meines Lebens", wie eine Betroffene sagte, die im dritten Versuch schwanger wurde. Noch härter trifft es die Verlierer in dem Spiel. Sie sind so zahlreich wie die Gewinner. Bis heute können die Fertilitätsspezialisten trotz aller Fortschritte nur jedem zweiten Patientenpaar helfen. Die anderen bleiben allein zurück, ohne Kind und in der Regel ohne irgendwelche Hilfe. IVF, das ist für tausende Männer und Frauen das Kürzel für eines der größten Wunder der Medizin – für ebenso viele jedoch die Chiffre für die letzte betrogene Hoffnung auf ein Kind.

Die Verlockungen des medizinischen Fortschritts

Es ist nicht Eure letzte Chance! Gebt nicht auf! Es gibt immer noch einen Weg! Verlockend klingen die Versprechungen des medizinischen Fortschritts den Patienten in den Ohren. Und tatsächlich: Bis vor wenigen Jahren konnten unfruchtbare Männer keine Kinder zeugen. Dank ICSI, der Sameninjektion in die weibliche Eizelle, ist das anders. Statt mindestens 10 Millionen Samenzellen für eine erfolgreiche Befruchtung braucht ein Mann heute nur noch ein einziges Spermium. Geht es nach Deutschlands Reproduktionsmedizinern, dann wollen sie auch dem Rest der verhinderten Eltern neue Wege bahnen. In einem "Diskussionspapier zu den Vorbereitungen für ein Fortpflanzungsmedizingesetz" haben die Fruchtbarkeitsexperten aufgeschrieben, wie sie sich die Zukunft vorstellen. Danach dürfen Frauen Eizellen für ihre infertilen Geschlechtsgenossinnen spenden und unfruchtbare Eheleute Embryonen adoptieren. Mütter sollen die Möglichkeit haben, das Kind ihrer Töchter auszutragen. Paare können ihre Embryonen auf Krankheiten testen.

Die Grundregeln der Fortpflanzung, die mehr als 100.000 Jahre gültig waren, haben ihre Ausschließlichkeit verloren: Heute braucht es für die Zeugung eines Kindes nicht unbedingt einen Mann und eine Frau. Die Natur entscheidet nicht mehr allein, ob und wann die Befruchtung klappt und wie das Resultat aussieht. Die Reproduktionsmedizin kann Zeitpunkt, Paarkonstellation und Ergebnis der Zeugung manipulieren. Mittlerweile leben in der Welt Kinder, die fünf Elternteile haben: einen Samenspender und eine Eizellgeberin als genetische Erzeuger, die Frau, die das Kind austrägt, als biologische Mutter, und als soziale Eltern schließlich das Paar, bei denen das Kind aufwächst. Babymachen nach der Baukastenmethode.

Zugleich eröffnet die Medizin immer neue Möglichkeiten, nicht nur irgendein Kind, sondern ein gesundes Kind zu bekommen – beziehungsweise ein krankes Kind zu vermeiden. Die Pränataldiagnostik gehört heute zur Schwangerschaft wie der Geburtsvorbereitungskurs und das Einrichten des Kinderzimmers. Bereits eine der ersten Untersuchungen, der Ultraschall um die 12.Schwangerschaftswoche herum, dient dazu, Hinweise auf eine mögliche Behinderung des Fötus zu entdecken. Die Fruchtwasseruntersuchung war ursprünglich für einen kleinen Kreis von Frauen gedacht, die in ihrer Familie ein genetisches Risiko tragen oder im späten Alter ihr Kind bekommen. Heute müssen sich schon Frauen über 30 Jahre rechtfertigen, wenn sie auf die Amniozentese verzichten. Mehr als zehn Prozent aller Schwangerschaften werden heute genetisch untersucht. Zählt man die 40.000 Frauen hinzu, die sich jährlich einer In-vitro-Fertilisation unterziehen, zeigt das, in welchem Ausmaß die Medizin in das Leben vor Schwangerschaft und Geburt eingreift.

Jede neue Technik schürt Hoffnung und stellt die Betroffenen vor neue Fragen: Wieviel Zeit, Geld und Lebenskraft wollen wir für den Traum vom eigenen Kind opfern? Wollen wir es unterstützen, dass sich die Medizin immer weiter von der Natur entfernt? Was bedeutet es für ein Kind, wenn es mit Hilfe Dritter gezeugt wurde? Plötzlich hat man die Wahl. Das bloße Angebot künstlicher Zeugungshilfen setzt viele Paare unter Entscheidungszwang. "Entscheiden müssen und in diesem Sinn kein Schicksal mehr zu haben ist auch ein Schicksal und kein leichtes", schreibt der Publizist Burkhard Müller. Niemand möchte sich später Vorwürfe machen, nicht alles getan zu haben. Mitunter kostet es ebenso viel Kraft Nein zu sagen und sich dem Spruch der Natur zu beugen.

Auch die Politik gerät unter Druck. In Deutschland ringen Parlamentarier und Mediziner, Ethiker und Juristen seit Jahren darum, ob sie das strenge Embryonenschutzgesetz reformieren und für neue Techniken öffnen sollen. In vielen Ländern, die Deutschland umgeben, sind die Verfahren längst erlaubt. Mit seinen vielen Verboten steht die Bundesrepublik fast allein in der Welt. Das andere Extrem sind die USA. In dem Dorado der Babymacher bestimmen allein zwei Faktoren das Angebot: Was Ärzte können und Patienten wollen – und bezahlen. Dort dürfen zum Beispiel

· Tote Väter werden. Ärzte ernten Sperma von Verstorbenen und befruchten damit ihre Ehefrau.
· zwei Männer mit Hilfe einer Leihmutter zu Nachwuchs kommen. Vor dem Gesetz hat das Kind dann zwei Väter und keine Mutter.
· Frauen im Oma-Alter noch Mutter werden. Der Altersrekord einer Gebärenden liegt zur Zeit bei 67 Jahren.
· Eltern das Geschlecht ihres künstlich gezeugten Kindes aussuchen.

1978, im Jahr der ersten In-vitro-Zeugung, prophezeite der ehemalige Präsident der Amerikanischen Chemischen Gesellschaft, Charles D. Price, dass die Fortschritte auf dem Gebiet der Embryologie und Genetik "dereinst alles zwergenhaft erscheinen lassen, was Atomphysik und Raumfahrttechnik hervorbrachten". Er sollte recht behalten. Es sind die Väter des Fortschritts von damals, die auch heute eine schöne neue Welt optimierter Fruchtbarkeit propagieren. Es sei an der Zeit, dass der Mensch "seine Evolution selbst in die Hand nimmt", fordert der Entdecker der Struktur der DNA, James Watson. Und der Erfinder der Pille, Carl Djerassi, verheißt eine Zukunft, in der Menschen ihre Spermien und Eier in jungen Jahren einfrieren lassen. Zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt könnten sie dann ihre Kinder bekommen. Selbst das Menschenklonen und der Eingriff ins Erbgut, um unzulängliche Eigenschaften des Nachwuchses auszumerzen, sind keine bloßen Phantasiegebilde wirrer Wissenschaftler mehr.

Patienten als willenlose Marionetten der Medizin?

Deutsche Paare, die sich heute in eine fortpflanzungsmedizinische Behandlung begeben, denken nicht an genetische Manipulationen. Sie wollen ein eigenes Kind. Der Mehrheit hiesiger Fertilitätsmediziner und Wissenschaftler darf man glauben, wenn sie sagen, sie hätten mit solchen Zeugungsvisionen nichts im Sinn. Sie wollen den Paaren behilflich sein, ein Kind zu bekommen. Beide wehren sich zu Recht gegen Unkenntnis und Unterstellungen einer Öffentlichkeit, in der heutige Zeugungshilfen und zukünftige Erbgutmanipulation allzu häufig in einen Topf geworfen werden. Dennoch müssen Betroffene wie Ärzte der Tatsache Rechnung tragen, dass alle fortpflanzungsmedizinischen Techniken ein Doppelgesicht haben: Sie lösen Probleme und schaffen gleichzeitig andere. Sie verhindern Leid und können neues Leid entstehen lassen. Was der Einzelne als Fortschritt empfindet, kann die Gesellschaft in seinen Konsequenzen als Fehlentwicklung begreifen. Jedes neue Verfahren hat Kosten – ökonomische, soziale, ethische – und bahnt der nächsten Technik den Weg.

In diesem Sinn passt der Vergleich mit dem Geist aus der Flasche besonders gut: Erst die künstliche Befruchtung ließ Embryonen außerhalb des Mutterleibes entstehen. Seitdem können Mediziner sie beobachten und auswählen. Paare können sie spenden oder verwerfen. Wissenschaftler mit ihnen forschen oder sie manipulieren. Ob ICSI oder Präimplantationsdiagnostik, Stammzellforschung oder Klonen: die In-vitro-Fertilisation ist die Voraussetzung für fast alle Kontroversen um die Biomedizin, die heute die Republik entzweien.

Kaum ein anderes Thema wird derart kontrovers und erbittert diskutiert, mit so viel persönlichem Eifer für die eigene Sache und so wenig Verständnis für die Sicht des Anderen ausgefochten wie die Fortpflanzungsmedizin. Ist ungewollte Kinderlosigkeit eine Krankheit? Ab wann gilt der Embryo als menschliches Leben und ist damit schützenswert? Soll man auch Homosexuellen mit künstlichen Methoden zum Nachwuchs verhelfen? Darf eine Fünfzigjährige noch Mutter werden? Viel stärker als bei anderen Themen hängen die Antworten auf diese Fragen von Biographie und Betroffenheit jedes einzelnen ab. Unfruchtbare Paare denken darüber anders als kinderlose Singles, Gläubige anders als Agnostiker. Ob man an einer Behinderung leidet, die als unheilbar gilt, oder eine Krankheit hat, für die die Biowissenschaft eine Therapie verspricht; ob man als Forscher ein bestimmtes Projekt vor Auge hat oder als Politiker zukünftige Entwicklungen mitbedenken muss; ob man als Befruchtungsexperte hohe Schwangerschaftsraten anstrebt oder als Kinderarzt die Folgen von Mehrlingsgeburten sieht: Stets wird die Haltung zur Fortpflanzungsmedizin eine andere sein.

In diesem Buch sollen jene im Mittelpunkt stehen, die in den wissenschaftlichen und politischen Debatten meist nur die Rolle von Statisten spielen: die betroffenen Paare. Vertreter des Befruchtungsgewerbes rechtfertigen ihr Tun oft mit dem "Leiden ihrer Patienten". Wer die alltägliche Praxis kennt, weiß, dass gerade viele Ärzte mit falschen Versprechungen und einer seelenlosen Medizin zu diesem Leiden beitragen. Kritiker der Reproduktionsmedizin wiederum sehen die Sterilitätspatienten nur als Marionetten eines ominösen Medizinkomplexes. Ihr Wunsch nach einem (gesunden) Kind werde ihnen nur aufgedrängt: von skrupellosen Ärzten und traditionellen Familienvorstellungen.

In diesem Buch sollen die Kinderwunschpaare selbst zu Wort kommen. Insofern dient es als Brücke: zwischen den Hoffnungen und Erfahrungen ungewollt Kinderloser und den Vorurteilen und Ängsten der Öffentlichkeit, zwischen dem Diskurs der Spezialisten und der Neugierde interessierter Nichtfachleute, die mehr wissen möchten über einen Zweig der Medizin, dessen zukünftige Bedeutung wir gerade erst beginnen zu verstehen.

Wer konkrete Antworten und Ratschläge für sein persönliches Dilemma auf den kommenden Seiten erwartet, wird sich getäuscht sehen. Der Wunsch nach Kindern gehört zu den allgemeinsten und gleichzeitig zu den persönlichsten Bedürfnissen des Menschen. Er ist von inneren Einstellungen wie äußeren Einflüssen geprägt. Was einem Paar die Verwirklichung dieses Wunsches wert ist, kann es nur selbst wissen. Ebenso, wie weit es zu gehen bereit ist. Doch jeder, der sich in das Labyrinth der Fortpflanzungsmedizin begibt, sollte wissen, welche Wege und Umwege es gibt, wie die Chance stehen, heil und belohnt wieder herauszufinden – und wie groß die Gefahren sind, sich darin zu verlieren. Wenn das Buch dazu etwas beiträgt, hat es seinen Sinn erfüllt. Ganz nach dem Motto: We are still confused, but on a higher level – Wir haben immer noch keine Lösung, wissen jetzt aber mehr.